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Letzte Änderung
22.01.2007

Landesgartenschau

Rede der Stadtvertreterin Maren Plaschnick (GALiN) in der Stadtvertretung vom 28-09-2004

Bewerbung um eine Landesgartenschau           

Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren,

viele Jahre hieß der Slogan für unsere Stadt: Norderstedt – die junge Stadt im Grünen. Mit zunehmender Bautätigkeit, insbesondere nach  Fertigstellung des Stadtteils Norderstedt-Mitte, wurde der Slogan von einigen Politikern und Unternehmern als zu lauschig, zu wenig dynamisch empfunden. Es brach die Ära der viel versprechenden  Jungdynamiker an. Norderstedt Marketing wurde gegründet und fand sogleich den neuen Slogan: Norderstedt – eine Idee voraus. Was hier vor Ort auch immer bedeutet: darf’s eine Idee mehr, höher oder teurer sein.

Inzwischen werden durch die Stadt gesunde Baum-Ersatzpflanzungen zugunsten von Parkplätzen abgeholzt, den ältesten Bäumen Norderstedts  geht es im Auftrag der Stadtwerke beim Buddeln an die Wurzeln und vor sechs Monaten wurde die Baumschutz-Satzung abgeschafft. Diese ausschließlich an Profit und wenig am tatsächlichen Lebensgefühl und  den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger orientierte Entwicklung soll nun eine Landesgartenschau retten.

Der Bürgermeister hat sofort: „Hier!“ gerufen und völlig ignoriert, dass er in Norderstedt in erheblich anderer Funktion tätig ist als  in Paderborn und von ihm eine gesamtstädtische und keine vordergründige, event-orientierte Sichtweise erwartet werden darf.

Wenn Sie sich die Rathausallee in der Verlängerung nach Westen und Osten als gerade Linie vorstellen, wohnen von den 73.000 Einwohnern  Norderstedts etwa 23.000 nördlich dieser Linie und etwa 50.000 Menschen südlich davon. Damit läge eine landschaftsplanerische Aufgabenstellung für eine Landesgartenschau eigentlich nahe: In  zentralörtlicher Lage ein Naherholungsgebiet für zwei Stadtteile mit hoher Bevölkerungsdichte (Garstedt und Mitte) zu schaffen. Angeboten hätte sich dafür das Garstedter Dreieck mit Grünachse bis zu den Museen, die man anlässlich der Landesgartenschau auch baulich und kulturell hätte aufwerten können. Denn kulturell gibt es nichts, was einen Gartenschaubesucher länger als nötig in Norderstedt hält. Ein  Beispiel: (Ansichtskarte: Norderstedt – die Stadt der Kunst)

Ein Beweis dafür, Herr Bürgermeister, wie weit Anspruch und Wirklichkeit in Norderstedt auseinander klaffen. Ich schenke Sie Ihnen.

Fußläufig wäre die U-Bahn-Station Richtweg erreichbar! Wie mir der ehemalige Generalbevollmächtigte eines großen Norderstedter  Wohnungsbauunternehmens glaubhaft versicherte, wurden seitens der Stadt keinerlei Gespräche geführt, um eventuell in gemeinsamer Anstrengung ein attraktives Wohngebiet mit großer öffentlicher Grünfläche  hinzukriegen. Im Gegenteil, eine Überplanung der Flächen wurde von mehreren Baudezernenten immer wieder angekündigt, aber passiert ist bisher nichts. Stattdessen treibt der Bürgermeister durch öffentlich genannte Preise die Erwartung der Landwirte in spekulative Höhen.

Die Fraktion der GALiN hat sich mit dem Thema „Landesgartenschau“ seit mehreren Wochen sehr sorgfältig auseinandergesetzt. Wir haben  trotz intensiver Recherche das überragende städtebauliche Ziel am geplanten Standort an der nordöstlichen Peripherie nicht erkennen können. (Mit diesem Standort „Stadtpark Harksheide“ befasst sich gleich  Frau Reinders  noch eingehender.)

In anderen Bundesländern wurde gerade in jüngster Zeit darüber nachgedacht, wie eine Landesgartenschau auch zukünftig attraktiv bleiben  kann. Ausgangspunkt war die Kritik an vielen Landesgartenschauen, die mit immer den gleichen Versatzstücken einen bereits angelegten Park nur einfach überplant haben, um trotzdem an die Fördertöpfe zu kommen. In einer Studie der Universität Kaiserslautern über die Voraussetzungen heißt es dazu: Voraussetzung für die Wahl des Mikrostandortes sind gravierende Struktur- und Entwicklungsprobleme. Ist uns der Stadtpark in Harksheide bisher jemals als ein solches „gravierendes Problemfeld“ aufgefallen? Dieter Pfrommer, freier Landschaftsarchitekt aus Stuttgart, schreibt zum gleichen Thema:

„Angesichts der knappen Mittel wird sich die Förderung und damit die Nachfrage und damit die Zukunft der Landesgartenschauen mehr als bisher daran orientieren, ob die Subvention „Sinn“ macht. Angesichts der ökonomischen Zwänge wird die Politik, die letztlich die Förderhöhe bestimmt, neben dem Erfolg durch Publikumsapplaus mehr als  bisher auf die standortverbessernden Wirkungen im Vorfeld und in der Folge des Projekts achten.

Zahlreiche Bewerbungen führen zu einem Qualitätsschub für die Zukunft. Bewerbungen mit gewohnten Gartenschauinhalten oder solche ohne dauerhaften Hinzugewinn von Freiraum werden dann nicht mehr überzeugen können.

In der Konsequenz werden Bewerberstädte, die diche Bretter mit Erfolgsaussicht bohren wollen, die große strukturpolitische Ziele unter  realisierbaren Bedingungen angehen und dies alles mit Ernsthaftigkeit und kommunalpolitischem Rückhalt belegen können, erfolgreich sein.“ (Zitat Ende“

Im schlimmsten Fall müssen wir die erhofften positiven und die erwarteten negativen Effekte einer Landesgartenschau auch ganz allein bezahlen. Da muss die Frage nach einer nachhaltigen Verbesserung des Lebensraums Stadt für möglichst viele Einwohner schon erlaubt sein. 12,5 Millionen Euro an Investitionen in einen bereits gestalteten Grünraum oder für die Überplanung eines B-Plans für ein Kieswerk sind eindeutig zu viel.

Dazu kommt noch der geplante Betriebshaushalt von rund 7 Millionen Euro, dessen Refinanzierung unserer Auffassung nach stark geschönt wurde und keineswegs gesichert ist. Eine Begründung für diese nebulöse Darstellung des Finanzbedarfs mag darin liegen, dass heute erst einmal alle „ja“ sagen sollen.

Der ehemalige Geschäftsführer der Landesgartenschau Wismar hat es so ausgedrückt: „Zu Anfang brauchen Sie in der Bevölkerung 120 %  Zustimmung. Wenn erst in der Folgezeit immer mehr planerische und finanzielle Details bekannt werden, bröckelt die Zustimmung nämlich rapide um mindestens die Hälfte.“

Noch einen Tip hat er mir gegeben, der wohl als Trost gedacht war: „Wer behauptet, in der Endabrechnung bliebe unterm Strich ein finanzielles Plus, ist ein ahnungsloser Träumer. Wenn Ihr Bürgermeister schon eine Landesgartenschau veranstaltet hat, weiß er das.“ Ich glaube, dass Sie das alles tatsächlich wissen, Herr Grote, aber es  nicht sagen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Friedrich der Große, ja auch bekannt als leidenschaftlicher Garten- und Landschaftsplaner, sagt zu den Fehlern, die immer wieder gemacht werden: „Dasjenige, wodurch die Menschen am meisten zu Fehlern veranlasst werden, ist, dass sie sich meistens mit vagen Vorstellungen begnügen und sich nicht die Mühe geben, sich klare Ideen über  die Dinge zu machen.“

Bei den vielen finanziellen und stadtplanerischen Unwägbarkeiten können wir der Bewerbung um eine Landesgartenschau nicht zustimmen. Wir beantragen namentliche Abstimmung.

Es gilt das gesprochene Wort!

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